Ich rastete. Das Gras hier war kniehoch und der Wind streifte es an meiner Haut. Ich befand mich in unberührter Natur, das Land war weit, es wirkte schier endlos. Als würde die Fläche über den Horizont hinaus und noch weiter führen. Ich wollte mich gerade niederlegen um ein wenig auszuruhen, doch ein lautes, ungewohntes Geräusch hinderte mich daran. Es war das Wiehern eines Pferdes, doch auf der weiten Grasfläche konnte ich nirgends ein Pferd entdecken. Ich sah mich schweigend um, als ich plötzlich das wundervolle Geschöpf erblickte. Doch es war nicht allein… Dieses, in meinen Augen, heilige Tier, wurde von einer ganzen Schar seines gleichen begleitet. Sie folgten ihm auf Schritt und Tritt, es musste wohl der Hengst sein. Der König seiner Familie, der Führer in Unbekanntes… Ich duckte mich, damit ich die Kreaturen besser beobachten konnte, ohne, dass sie mich wahrnehmen und fliehen würden. Der Hengst war ein stattliches Tier, mit einem ungeheuren Temperament, was sein Schweif verriet. Sein pechschwarzes Fell schimmerte im Abendlicht der untergehenden Sonne. Mit hocherhobenem Haupt und stolzen Schritten trabte er durch das hohe Gras. Seine ebenfalls schwarze Mähne, die ewig lang schien, und sein Schweif wurden vom sanften Wind getragen. Sein Körper trotze vor Stärke. Er strahlte Mut und Kraft aus. Er blieb immer bei seiner Familie um über sie zu wachen. Die ganze Verantwortung lastete auf seinen Schultern. Doch er war auf alles gefasst. Seine Brüder und Schwestern würde er mit seinem Leben beschützen. Er fühlte sich sicher und geborgen im Umfeld einer bestimmten Stute. Es musste seine Mutter gewesen sein. Ein ebenfalls schwarzes Pferd, vor dem selbst der grazile Hengst Respekt zeigte. Tatsächlich ließ er seine Herde direkt vor meinen Augen in unmittelbarer Nähe rasten. Beinahe alle Anhänger des Hengstes hatten den Kopf gesenkt, um sich an dem frischen Gras den Hunger zu stillen. Viele dösten im angenehm warmen Abendwind. Auch junge Fohlen gehörten der Herde an, die sich im Grasmeer verloren. Sie schlugen aus vor Freude an der Freiheit. Sie wieherten laut und jagten sich gegenseitig. Doch einigen war das zu viel Aufregung und diese blieben doch lieber im Schutz ihrer Mütter.Der stolze Hengst hatte seine Umgebung immer im Auge und ließ sich durch nichts ablenken, doch auch er zeigte nach kurzer Überlegung, so schien es, dass auch ihn ihm noch ein Fohlen steckte. Auch er rannte wild durch das Gras, schlug aus und wieherte… Immer noch unentdeckt schlich ich mich näher an seine Herde heran. Es war ein wundervolles Bild, als er direkt vor der glutroten Sonne begann zu steigen und zu wiehern. Seine Mähne wurde vom Wind getragen. Er war so stolz, hatte seine Freiheit und seine Familie. Das war alles, was er brauchte um glücklich zu sein. Ein paar seiner Artgenossen wälzten sich auf dem Boden. Sie streckten ihre Beine von sich und wirbelten den Staub auf. Doch das war mir in diesem Moment völlig egal… Mein Blick war an diesen prachtvollen Hengst gekettet. So wild, so frei und doch so viel Verantwortung… Es würde mir das Herz brechen, wenn man diesem Tier seine Freiheit rauben würde. In Fesseln würde es untergehen und jämmerlich verenden. Ein Pferd, wie dieser Hengst, muss glücklich sein! Wenn ein Pferd in der Wildnis geboren wird, sollte es auch in der Wildnis bleiben! "Denn solange ein Pferd lebt, bleibt es seinem Charakter treu!", das ist ein altes Sprichwort aus China. Wenn es auf der Welt ein schöneres Wesen als das Pferd gibt, dann hat es noch niemand gesehen. Ein Pferd strahlt Würde aus. Es ist ein Geschöpf, das ebenfalls Respekt verdient, genau wie wir Menschen! Und wie Konfuzius schrieb: "An einem edlen Pferd schätzt man nicht die Kraft, sondern seinen Charakter." Mit den Pferden ist es wie mit den Menschen: Respekt entsteht durch Vertrauen, doch Vertrauen entsteht durch Respekt. Schenkt dem stolzen Tier euer Vertrauen und euren Respekt, so wird dieses als Gegenleistung auch euch sein Vertrauen und seinen Respekt schenken. Ich weiß nicht, was ich getan habe, jedenfalls hat mich der wundervolle Hengst entdeckt und ist mit seiner Herde auf und davon. Diese Bilder werde ich nie in meinem Leben vergessen: Der Hengst, der sein Leben aufs Spiel setzt um seine Kinder und seine Verwandten zu beschützen und hoffentlich nie gezähmt wird. Leb' wohl, du wundervolles Wesen! Du scheinst nicht von dieser Welt zu sein und doch hat dich Mutter Natur erschaffen und ich durfte dich bewundern. Leb' wohl…